Die Reise ins Unbewusste kann bunt, schrill, poppig sein. Kirsten Dietel aus Ammerbuch ist fasziniert von Indianern, Schamanen, Geistern und anderen Wirklichkeiten. Die Objekte, die sie als Künstlerin erschafft, sind für sie Boten aus einer solchen Wirklichkeit: Nur auf den ersten Blick freundlichund harmlos begegnet man in ihnen bizarren Totem-Tieren und Voodo-Vetischen.
All die systematischen Ansprüche, die an Kunst zu stellen man Gewohnt ist, haben Für Kirsten Dietel keine Bedeutung. Die Dettenhäuserin, die im Haus ihrer Mutter in Entringen ihr Atelier eingerichtet hat, hat sich die Arbeit "aus dem Bauch heraus"von Anfang an zum Prinzip gemacht. Kirsten Dietel versammelt um sich herum einen gewaltigen Vorrat der alltäglichsten Gegenstände: Fortgeworfenes, seltsam Geformtes aller Schattierungen und setzt aus ihm ihre Objekte zusammen ; sie bastelt, malt und verspachtelt mit Pappmachee, ohne sich von etwas anderem als von der bloßen Eingebung leiten zu lassen; sie schwärmt von Mytologie, Indianerriten und Carlos Castaneda und sie fertigt aus ihren Fundstücken kunterbunte Totemtiere, die die Blicke ihrer Betrachter mit geheimnisvollen Zügen erwidern.
Kirsten Dietel wurde 1956 in Klettwitz in der damaligen DDR geboren. Als sie im Kindesalter war, zog ihre Familie in die Nähe Rottenburgs, bald darauf schon weiter nach Entringen, wo sie den größten Teil ihres Lebens verbrachte. Auf die Idee, sich künstlerisch zu betätigen, kam die gelernte Schauwerbegestalterin ("in diesem Beruf konnte ich mich nicht ausleben") erst 1997, als sie einen längeren Krankenhausaufenthalt auf sich nehmen musste. Prompt wurde siezu einer jurierten Ausstellung des Tübinger Kulturamtes zugelassen. seither ist sie unermüdlicham Werken, war auch schon mehrmals während der Straßengalerie in Herrenberg zu Gast. Ihre Stücke sind eines zumindest nicht: leicht zu übersehen. Das "Einhorn" beispielsweise ist ein mit Pappmachee überzogener Stuhl, auf dessen Lehne ein kreisrundes Gesicht sitzt, der gänzlich in einem tiefen Blau und auf der Sitzfläche und der Fläche dieses Gesichtesmit atztekisch anmutenden Mustern in Gelb, Rot und Grün bemalt ist. Wer auf der Straßengalerie an diesem Werk vorbeigeschritten ist, der hat das nicht vergessen.
Als Künstlerin fertigt Dietel, wie sie selbst sagt, "Wesen" an. Sie malt keine Bilder mit einer Aussage oder einem Thema, obwohl sie auch als Malerin tätig ist, sie fügt keine Elemente zu Objekten zusammen, sie sammelt keine Gegenstände nach bestimmten Kriterien. Ihre ganze Arbeit beruht auf der Überzeugung, dass es eine "andere Wirklichkeit" gibt, mit der sie in Kontakt treten kann. Und in dieser anderen Wirklichkeit haben ihre Geschöpfe einen eimaligen, geheimnisvollen Charakter. Jedes ihrer Objekte oder Bilder besitzt ein Gesicht - manchmal ganz offen, manchmal in der Anordnung seiner Einzelteile versteckt."Ich mache keine gesichtslosen Wesen", sagt Kirsten Dietel.
Die schreiende Farbigkeit der Gebilde, die oft kindlichen, verspielten Formen -all dies wirkt auf den ersten Blick etwas naiv. Den Objekten der Ammerbucher Künstlerin ist aber immer etwas Unheimliches zu Eigen: Man ist sich beim genaueren Betrachten, gar nicht mehr so sicher, ob die Blicke, mit denen diese entfremdeten Möbel um sich werfen, nun freundlich sind oder nicht. "Fast alle meine Wesen haben zwei Seiten", sagt die Künstlerin - und somit auch etwas zutiefst Beunruhigendes. Dass diese Gesichter zufällig entstehen, dass Kirsten Dietel keinem Plan folgt, keine Irritation im Schilde führt, sondern den Impulsen ihres Unbewussten nachgibt, trägt nur noch dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken.
"Ich träume viel", sagt sie, "und lese viel über Mythen." In ihren Träumen kehren die Mythen als nächtliche Filme zurück, um später von ihr verwirklicht zu werden - als "Einhorn", als "Hörnerschrank", als "Merlin",als "Blauer Stier", oder als "Frau mit roten Haaren", als bunte Objekte, gebastelt aus Ampullenschachteln, Möbelteilen, Staßenbesen, Skiern, aus Suppenschüsseln, Maschienenteilen. Sogar aus String-Tangas bastelt Kirsten Dietel ihre mysteriösen Totem-Tiere. Sie montiert bizarre Blüten aus Plastiklöffeln und schafftaus einer Reihe von Wintersportgeräten das "Treffen der Magier", zu denen der "Deuter", der "Mittler", und der "Seher" gehören: Gestalten, bemalt wie Indianer auf dem Kriegspfad. Ein bisschen Voodoo ist bei Kirsten Dietel immer im Spiel, ebenso, wie der Schamanismus der nardamerikanischen Indianer, der sie fasziniert. Und der Betrachter weiß einmal mehr nicht, wer es ist, von dem dieser "Mittler" eine Botschaft überbringt, was es ist, dass "Seher" zeigen will, und ob dieser "Heiler" in Wirklichkeit ein Dämon ist.